Narben auf der Seele - Wenn Traumata Spuren hinterlassen

Dieser Text ist erschienen in der Hundezeitung – Ausgabe 2025/12-13

Wie der Hund Leo lernte, wieder Vertrauen zu fassen

Als Leo ins Tierheim kam, traute er weder Menschen noch Geräuschen. Jeder Schritt, jedes zufallende Tor ließ ihn erzittern. Was er erlebt hatte, wusste niemand – doch sein Verhalten erzählte von Angst, Kontrollverlust und tiefem Stress. Leos Geschichte steht stellvertretend für viele Hunde, deren seelische Wunden unsichtbar sind, aber lange nachwirken.

Wenn Angst das Denken lähmt

Ein Trauma ist eine seelische Verletzung, die entsteht, wenn ein Lebewesen ein Ereignis erlebt, das seine Bewältigungsmöglichkeiten überfordert. Misshandlung, Vernachlässigung oder plötzliches Alleinsein nach Verlust – all das kann bei Hunden tiefe Spuren hinterlassen. 

Bei starkem oder langanhaltendem Stress schüttet der Körper große Mengen Kortisol aus – ein Hormon, das kurzfristig Energie mobilisiert, aber auf Dauer schadet. Im Gehirn wird die Neubildung von Nervenzellen im Hippocampus, dem Zentrum für Lernen und Gedächtnis, gehemmt. Gleichzeitig feuert die Amygdala, das Alarmzentrum des Gehirns, auf Hochtouren. Sie bewertet Reize nach Gefahr – und bleibt nach einem Trauma überempfindlich. Zusätzlich wird der präfrontale Cortex, der wichtig ist für die Emotionsregulation in seiner Aktivität eingeschränkt. Leo zeigte das deutlich: Ein lautes Geräusch genügte, und er erstarrte. Lernen war in solchen Momenten unmöglich, denn das Gehirn war im Überlebensmodus. Es war ihm nicht mehr möglich seine Emotionen zu regulieren.

Totstellen oder Flucht – zwei Wege der Angst

Hunde reagieren auf Bedrohung sehr individuell. Manche werden laut, schnappen oder fliehen – sie befinden sich im Kampf-oder-Flucht-Zustand. Andere, wie Leo, „frieren“ ein: Der Körper fährt herunter, die Herzfrequenz sinkt, Bewegungen erstarren. Dieser Totstell-Reflex schützt kurzfristig vor Überforderung, kann aber zu Antriebslosigkeit und Depression führen.

In beiden Fällen ist das Verhalten keine „Unart“, sondern Ausdruck eines gestörten Stresssystems und neuronaler Anpassungen an eine gefährliche Umwelt. Diese Reaktionen beruhen bei Mensch und Hund auf denselben biologischen Grundlagen.

Das sagt die Forschung

  • Chronisch erhöhte Kortisolwerte hemmen Lernen und Gedächtnis.
  • Der Hippocampus kann bei chronischem Stress schrumpfen.
  • Die Amygdala wird überaktiv – Angst und Erregbarkeit steigen.
  • Der präfrontale Kortex wird in seiner Aktivität reduziert – Emotionen können nicht mehr gut reguliert werden.
  • Oxytocin, das sogenannte „Bindungshormon“, wirkt beruhigend und fördert Vertrauen.

Beziehung hilft Traumata zu überwinden

Erst als Leo eine feste Bezugsperson bekam, begann er sich zu verändern. Seine neues Frauchen sprach leise, machte Bewegungen vorhersehbar und ließ ihm Zeit. Jeden Tag lernte Leo: Hier passiert nichts Schlimmes. Aus Angst wurde Neugier, aus Rückzug vorsichtige Nähe.
Dieses Prinzip – Sicherheit durch Beziehung – ist der Schlüssel zur Verarbeitung traumatischer Erlebnisse. Studien zeigen: Soziale Unterstützung nach einem Trauma ist ein starker Schutzfaktor. Nähe, Trost und Vertrauen aktivieren das Oxytocin-System, das Stress reduziert und Bindung stärkt.

So kannst du helfen

🐾 Gib Sicherheit: feste Rituale, ruhige Stimme, klare Abläufe.
🐾 Lass Zeit: Verarbeitung von Traumata braucht viel Zeit, nicht Druck.
🐾 Achte auf Körpersprache: Zittern, Verstecken, Erstarren sind Zeichen von Stress.
🐾 Biete soziale Unterstützung:  Sei vorhersehbar und unterstütze Deinen Hund in stressvollen Situationen.

Wenn Vertrauen wächst

Nach einigen Monaten konnte Leo erstmals entspannt an der Leine gehen. Er ließ sich anfassen, nahm Futter aus der Hand und suchte von sich aus Blickkontakt. Sein Körper wirkte weicher, sein Ausdruck wacher.
Die Narben auf seiner Seele sind geblieben – aber sie bestimmen sein Leben nicht mehr. Leos Geschichte zeigt, dass eine Verarbeitung schlimmer Erlebnisse möglich ist, wenn man versteht, wie tief Stress wirken kann – und wenn man Geduld, Wissen und Herz miteinander verbindet.

Schlussabschnitt

Die biologischen Grundlagen von Trauma und Stress sind bei Mensch und Hund nahezu identisch. Was uns Menschen hilft – Verständnis, sichere Bindung, soziale Nähe – hilft auch unseren Vierbeinern.
Ein traumatisierter Hund braucht nicht Strenge, sondern Vertrauen. Und manchmal reicht schon eine liebevolle Bezugsperson, die ruhig bleibt, wenn alles andere Angst macht.

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Alles Liebe und bis bald, Iris
Iris Schöberl

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